Anorexie-Beratung

Während der ersten Beratung zur Therapie von Essstörungen werden physiologische Parameter und psychologische Details der Betroffenen einer Magersucht besprochen.

Anamnese/ Klärung der Ist-Situation

Zu Beginn eines stationären Klinikaufenthaltes im Rahmen einer Therapie von Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie ist ein Beratungsgespräch von elementarer Bedeutung. Dabei können Betroffene alle offen Fragen klären, erhalten alle relevanten Informationen zur Therapie und werden auf den Klinikalltag vorbereitet. Neben organisatorischen Rahmendaten gilt es in dieser Beratung bereits die wichtigsten psychologischen Details zur Krankheit bzw. Essstörung zu besprechen bzw. aufzudecken, inwieweit der Alltag der Betroffenen bereits eingeschränkt ist. In diesem Zusammenhang gilt es auch aufzudecken, ob bereits professionelle Hilfe in Anspruch genommen wurde und ob neben der vordergründigen Essstörung Anorexie weitere Faktoren, zum Beispiel bulimiesche Phasen, Zwänge oder psychiatrische Erkrankungen vorliegen und ob Psychopharmaka eingenommen werden bzw. ob in der Vergangenheit eine medikamentöse Behandlung angezeigt war.

Auch wenn zuvor noch keine professionelle Beratung statt gefunden hat, wissen Betroffene über das Krankheitsbild der Magersucht, zum Beispiel über die Online-Recherche, typischerweise sehr genau Bescheid. Allerdings sollten die Patienten im Erstgespräch darauf vorbereitet werden, dass im Rahmen der Therapie insbesondere psychologische Hintergründe der Essstörung im Fokus stehen und dies auch schmerzhafte Aufarbeitungsprozesse aus der Vergangenheit beinhalten kann.

Darüber hinaus kann eine medizinische Diagnose, u. a. basierend auf der Ermittlung des BMI (Body Mass Index), einem Blutbild usw. Aufschluss darüber gehen, wie der aktuelle Gesundheitszustand ist und ob bereits therapiebedürftige Mangelerscheinungen durch die Krankheit existieren. Entsprechend können sich Patient und das medizinische Personal in der ersten Beratung auf eine mögliche Supplementierung abstimmen. Damit sich die das therapeutische Ernährungsteam ein genaues Bild vom Essverhalten, der Nährstoffversorgung und der Kalorienzufuhr des Patienten machen kann, ist es sinnvoll, dass der Betroffene ein Ernährungsprotokoll über einen abgestimmten Zeitraum im Rahmen der Ernährungstherapie führt.

Besonders wichtig ist es dabei, dass nicht nur Lebensmittel und Getränke in exakten Mengen notiert werden, sondern auch Emotionen während der Esssituation erfasst werden. Dabei können bereits wichtige Therapieschritte ermittelt werden, auch wenn es für Personen, die unter einer Essstörung leiden, häufig eine große Überwindung kostet, sich mit ihrem tatsächlichen Essverhalten auseinander zusetzen. Entsprechend bedarf es hier gegebenenfalls professioneller Unterstützung und Motivation, so dass Patienten auch realistische Angaben machen. Denn nur so kann ein bestmöglicher Therapieverlauf erzielt werden bzw. die optimale Hilfe zur Selbsthilfe, auch nach dem Klinikaufenthalt, gewährleistet werden.

Individuelle Zielabsprachen bzw. Lösungswege im Rahmen des Klinikaufenthaltes aufzeigen

Im Fokus jeder Beratung bzw. Therapie von Essstörungen wie Magersucht bzw. Anorexia Nervosa sollte die individuelle Situation des Betroffenen stehen. Der Patient muss dabei, unter Berücksichtigung von klinischen Vorgaben bzw. Absprachen, selbstbestimmt in den Therapieverlauf mit einbezogen werden. In diesem Zusammenhang ist auch zu klären, ob der Patient die Therapie eigenverantwortlich beginnen bzw. die professionelle Hilfe aus freiem Willen in Anspruch nehmen will, denn nur dann kann ein Therapieerfolg einer Magersucht verzeichnet werden.

Darüber hinaus sollten individuelle Zielabsprachen erfolgen und geklärt werden, inwieweit die Wünsche des Patienten realistisch sind und welcher Zeitrahmen sinnvoll ist.

Ursachenforschung

Da die Psychotherapie ausschlaggebend für den Therapieerfolg ist, müssen Betroffene zuvor verdrängte, negative Emotionen wie Ängste, Schuldgefühle oder Trauer, die häufig als Ursache für die Entstehung einer Magersucht gelten, Schritt für Schritt mit wachsendem Vertrauen gegenüber dem Therapeuten, offen legen. Einige Personen, die unter einer Essstörung leiden, sind traumatisiert oder leiden unter belastenden Ereignissen, die sie bisher mit sich selbst ausgemacht haben. Aus therapeutischer Sichtweise kann eine Essstörung als Lösungsversuch einer Lebenskrise verstanden werden, so dass Betroffene zum Beispiel durch die Magersucht versuchen, wieder Kontrolle in ihr Leben zu bringen. Hier beginnt dann typischerweise der Kreislauf dieser Erkrankung, denn zusätzlich zur eigentlichen Ursache der Krankheitsentstehung, zum Beispiel sexueller Missbrauch, Suchterkrankungen der Eltern oder familiäre Gewalt tritt nun zusätzlich die Essstörung in den Vordergrund, die einen normalen Alltag verhindert.

Je länger sich dieser Kreislauf manifestiert, desto schwieriger wird es, aus diesem Teufelskreis alleine wieder auszubrechen. In diesem Zusammenhang ist es, gerade im Hinblick auf den möglichen Einbezug der Familie in den Therapieverlauf, wichtig zu erwähnen, dass es keinen Schuldigen gibt, der für die Essstörung verantwortlich ist. Vielmehr hat es typischerweise schmerzhafte Situationen, schwierige Charakteren innerhalb der Familie sowie Verdrängungen von Emotionen gegeben, die addiert als Ursache einer Magersucht oder Bulimie in Frage kommen.

Neue Verhaltensmuster erlernen

Um nach der Therapie nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, ist es elementar, dass Betroffene ihre Emotionen zukünftig nicht mehr verdrängen bzw. über Essanfälle oder ein restriktives Essverhalten, sprich Hungern, ausdrücken, sondern neue, konstruktive Strategien im Rahmen der Therapie erlernen. Die Patienten müssen erkennen, achtsamer mit sich selbst umzugehen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und Anzeichen von Stress zu erkennen und abzubauen. Auch der Umgang mit Rückfällen sollte besprochen werden, um diese nicht mit Versagen gleichzusetzen sondern als Hinweis zu erkennen, noch mehr auf die individuellen Bedürfnisse zu achten. So kann es Betroffenen gelingen, trotz der Schwierigkeiten des Lebens, ein glückliches, verantwortungsbewusstes Leben sich selbst und anderen gegenüber zu führen.

Anorexie-Behandlungsmöglichkeiten

Eine erfolgreiche Therapie von Anorexia und bulimia nervosa basiert auf den sich unterstützenden Elementen Psychotherapie, Stressmanagement
und Ernährungstherapie.

Stressmanagement

Bei der Therapie von Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie ist das Erkennen individueller Stressoren, deren Reduzierung sowie ein konstruktiver Umgang mit Stress auslösenden Situationen ein wesentlicher Bestandteil. Auf der einen Seite ist das Erlernen von Entspannungsübungen wie Yoga, Meditation oder Autogenem Training sowie auf der anderen Seite ein ergänzendes Bewegungsprogramm zum Abbau von Stresshormonen bedeutsam. Sowohl das mentale als auch das physiologische Stressmanagement kann Frauen und Männern, die unter einer Essstörung leiden, helfen, Selbstbewusstsein aufzubauen und ein positiveres Körpergefühl zu entwickeln.

Während bei einem kritischen Untergewicht bei Anorexia Nervosa nur die mentale Entspannung empfehlenswert ist, kann ein Ausdauersport bei einer Bulimie mit Normalgewicht oder Übergewicht helfen, den Stressabbau zu fördern und Essanfällen vorzubeugen. Anorektische Personen können während der Beratung eine Zielvereinbarung treffen, ab welchem BMI ein moderates Bewegungsprogramm in die Therapie integriert werden kann. Darüber hinaus ist es sinnvoll, dass betroffene Frauen und Männer destruktive Verhaltensmuster im Umgang mit Stress bzw. negativen Emotionen erkennen und diese, zum Beispiel im Rahmen von Rollenspielen oder der Einzeltherapie, durch neue, konstruktive Verhaltensweisen ersetzen.

Ernährungstherapie

Im Rahmen der Ernährungstherapie können anorektische Patienten wieder einen gesunden Umgang mit dem Essen lernen. Neben einer Ernährungsberatung, in der u. a. Ernährungsprotokolle ausgewertet werden und Zielvereinbarungen in puncto Kalorienaufnahme, Nährstoffbedarf und Vermeidungsverhalten (z. B. die bewusste Einführung schwieriger Lebensmittel in den Speiseplan) getroffen werden, ist auch das gemeinsame Kochen und anschließende Essen von elementarer Bedeutung.

Zusätzlich kann es sinnvoll sein, ein Einkaufstraining anzubieten, damit Betroffene auch nach der Therapie im Alltag bedarfsgerecht für sich einkaufen können. Eine „Genussgruppe“, in der wieder positive Gefühle im Umgang mit Essen erlernt wird, können die Ernährungstherapie ergänzen. Im Fokus steht dabei immer, dass restriktives Essen oder Essanfälle zukünftig nicht mehr genutzt werden, um negative Gefühle zu kompensieren.

Psychotherapie

Die Einzeltherapie bildet das Fundament während der Therapie von Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie. Hier geht es darum, die Ursachen der Krankheitsentstehung zu analysieren und zu schauen, wie Betroffene negative Erlebnisse verarbeiten können, um belastende Emotionen loszulassen und gestärkt aus der Therapie heraus zu gehen. Hier kann der Therapeut seinem Klienten geeignete Strategien anbieten, die ihm helfen, schwierige Situationen zu meistern.

Auch im Rahmen der Psychotherapie gilt es, dass Selbstbewusstsein der Betroffenen zu stärken, sich selbst wieder wert schätzen zu lernen und zum Beispiel Schuldgefühle nach dem Essen abzubauen und diese durch positive Assoziationen zu ersetzen. Elterngespräche können ebenfalls eine wichtige, begleitende Hilfe sein, damit schwierige Familienverhältnisse besprochen werden und gemeinsame Zielvereinbarungen für die Zeit nach der Klinik getroffen werden können.

Dadurch bekommen auch Angehörige die Möglichkeit, Betroffene besser zu verstehen, angemessener zu reagieren und lernen, dass Schuldgefühle in Bezug auf die Krankheit keinem Familienmitglied helfen. Eine zusätzliche Gruppentherapie kann helfen, dass Patienten mit Anorexia nervosa oder Bulimie den selbstbestimmten Umgang mit anderen Menschen neu erfahren und Kritik sowohl äußern als auch annehmen lernen, ohne in destruktive Verhaltensmuster zu verfallen.

Anorexie allgemein

Im Fokus der Behandlung von Essstörungen stehen insbesondere psychologische Grundlagen, in die Angehörige während der Beratung mit einbezogen werden sollten.

Krankheitsbild

Bei der Diagnose von Magersucht wird zunächst das Körpergewicht ermittelt, wobei man aus medizinischer Sicht ab einem BMI von 17,5 und darunter von Anerexia nervosa spricht. Dabei grenzt sich ein diagnostiziertes Untergewicht bei einer Essstörung im Gegensatz zu einer anderen Erkrankung mit Gewichtsverlust dadurch ab, dass dieses selbst herbeigeführt wurde. Das zu niedrige Körpergewicht betroffener Frauen und Männer entsteht in Folge eines restriktiven Essverhaltens, welches teilweise mit einem Missbrauch von Abführmitteln sowie Appetitzüglern oder selbstinduziertem Erbrechen kombiniert wird.

Aus physiologischer Sicht kann es zu pubertären Entwicklungsstörungen, Reizungen des Verdauungstraktes, Störungen im Elektrolythaushalt, Kreislaufstörungen bis hin zum Organversagen kommen. Magersüchtige leiden typischerweise unter einer intensiven Angst vor der Nahrungs- sowie Gewichtszunahme und sind fast ununterbrochen damit beschäftigt, sich Gedanken um Kalorien, Hungern und den damit einhergehenden, negativen Emotionen zu machen. In diesem Zusammenhang sind u. a. Schuldgefühle nach dem Essen, Selbsthass und Kontrolle bis hin zu zwanghaftem Verhalten zu nennen. Zusätzlich leiden viele anorektische Personen unter einem extremen Leistungsdruck.

Betroffene fühlen sich darüber hinaus häufig einsam, wobei im Laufe der Erkrankung der Verlust sozialer Kontakte bis hin zur Isolation typisch ist. Auch wenn Essstörungen meistens mit Frauen in Verbindung gebracht wird und die Sterberate prozentual deutlich höher ist, können auch Männer unter einer Störung des Essverhaltens leiden. Letztere suchen sich im Gegensatz zu weiblichen Personen allerdings häufig erst dann professionelle Hilfe, wenn sie nur noch den Suizid als möglichen Ausweg aus der Anorexie sehen.

psychologische Grundlagen

Angehörige wie Eltern, Freunde und nicht zuletzt der Betroffene selbst sollten keinesfalls nach Schuldzuweisungen für die Entstehung der Magersucht suchen. Häufig summieren sich ungünstige Familienkonstellationen, unverarbeitete Konflikte und Erlebnisse. Manchmal entsteht eine Essstörung auch in Folge einer Traumatisierung, zum Beispiel durch den Tod, sexuellen Missbrauch in der Kindheit oder Jugend sowie durch Gewalterfahrungen.

Häufig werden im Rahmen der Therapie Ursachen innerhalb der Familie, wie Alkoholmissbrauch, psychische Erkrankungen, Suchtverhalten oder die extreme Erwartungshaltung eines Familienmitglieds aufgedeckt. Nicht selten handelt es sich bei Betroffenen um sensible oder introvertierte Personen, die unter einem enormen Leistungsdruck stehen und sich insbesondere über Anerkennung durch Andere und das Erreichen von Zielen bewerten, wobei die wahren Sehnsüchte im Verborgenen bleiben.

Hilfestellung für Angehörige

Nicht nur Betroffene, sondern auch Angehörige wie Eltern, Geschwister und Freunde können unter einer Essstörung und den damit einhergehenden Konflikten leiden. Im Idealfall sollten diese daher mit in die Therapie einbezogen werden und in regelmäßigen Abständen an Beratungen teilnehmen. Dabei liegt der Fokus auf der Frage, wie sich involvierte Personen von der Krankheit abgrenzen können, ohne sich schuldig zu fühlen und dem Betroffenen die Möglichkeit geben, selbstbestimmt bzw. eigenverantwortlich zu agieren.

Wichtig ist auch, dass Hilfestellungen durch den Therapeuten angeboten werden, wie die einzelnen Personen zukünftig konstruktiv mit Konflikten umgehen können. Außerhalb des Klinikaufenthaltes ist es darüber hinaus empfehlenswert, sich Hilfe bzw. Unterstützung in Selbsthilfegruppen zu holen.